Malatya
Tagebuch eines kreativen Nomaden

Ich erinnere mich noch genau an den Morgen, als mein Van zum ersten Mal nach Malatya hinunterrollte. Die Sonne hing wie eine goldene Aprikose über den Hügeln Anatoliens, und die Luft roch nach Staub, Wasser und Obstgärten.
Malatya liegt zwischen Bergen und den Tälern des Euphrat. Die Landschaft wirkt ruhig, fast so, als hätte die Zeit beschlossen, hier langsamer zu gehen. Zwischen den Hügeln glitzert Wasser aus Kanälen, Flüssen und Stauseen, die die Felder am Leben halten. In der Nähe staut der große Karakaya-Staudamm den Euphrat zu einem gewaltigen See – ein Ort, an dem das Wasser so still wirkt, als würde es Geschichten sammeln.
Ich parkte meinen Van auf einer kleinen Anhöhe. Unter mir lag die Stadt – flache Dächer, Moscheen, Straßen voller Obststände.
Und irgendwo dort unten wartete eine Katze.
Wasser, das die Stadt atmen lässt

Das Wasser ist hier überall.
In den Bergen fließen Bäche wie Derme Suyu durch Gärten und Picknickplätze – kleine grüne Oasen, in denen Familien Tee kochen und Kinder über Steine springen.
Weiter draußen schlängelt sich der Tohma-Fluss, der schließlich den Euphrat erreicht. Seine Kraft wird in Staudämmen genutzt, etwa in der Medik-Talsperre, die Energie erzeugt und Felder bewässert.
Als ich dort saß, die Füße im kalten Wasser, fühlte ich dieses eigenartige Gefühl, das Vanlife manchmal schenkt:
Du gehörst nirgends – und gleichzeitig überall.
Die Stadt aus Stein und Geschichte


Malatya ist älter, als sie aussieht.
Nur wenige Kilometer außerhalb liegt Arslantepe, eine archäologische Stätte, deren Siedlungen bis etwa 6000 v. Chr.zurückreichen – eine der ältesten bekannten Städte der Region.
Ich wanderte zwischen den Ruinen herum, während der Wind durch das trockene Gras strich.
Lehmziegelmauern, alte Fundamente, Spuren von Häusern, in denen Menschen vor tausenden Jahren lebten.
Wenn man lange genug dort sitzt, beginnt man zu glauben, dass Städte ein Gedächtnis haben.
Die Kirschen von Yeşilyurt

Ein paar Tage später fuhr ich nach Yeşilyurt, ein Ort voller Obstgärten.
Hier wachsen Weizen, Trauben, Aprikosen – und vor allem Kirschen. Die berühmte Dalbastı-Kirsche hat sogar eine geschützte Herkunftsbezeichnung und wird jedes Jahr bei Wettbewerben für die besten Kirschgärten gefeiert.
Ich parkte meinen Van zwischen zwei Kirschreihen.
Die Bäume waren schwer von roten Früchten, und der Wind ließ sie leise gegeneinander klirren – als würden tausend kleine Glocken läuten.
Und genau dort traf ich sie.
Die Katze, die mir Malatya zeigte
Sie war grau, dünn und stolz wie eine Königin der Straße.
Sie tauchte aus einem Schatten auf, setzte sich vor meinen Van und betrachtete mich, als müsste sie erst entscheiden, ob ich in ihre Stadt gehöre.
Ich nannte sie Kiraz – das türkische Wort für Kirsche.
Am Abend führte sie mich durch die Gassen.
Oder vielleicht bildete ich mir das nur ein.
Sie lief voraus, sprang über Mauern, verschwand zwischen Obstständen und tauchte wieder auf. Ich folgte ihr durch den Markt, vorbei an alten Männern, die Tee tranken, und Frauen, die Körbe mit Obst trugen.
In meiner Vorstellung dachte sie wahrscheinlich:
„Dieser Mensch fährt in einem Haus auf Rädern.
Vielleicht ist er auch nur eine streunende Katze.“
Wir endeten auf einer warmen Steinmauer. Unter uns lag die Stadt, und irgendwo rauschte Wasser in einem Kanal.
Kiraz rollte sich neben mir zusammen.
Der Abend roch nach Staub, Kirschen und Holzrauch.
Eine Nacht im Van
In dieser Nacht schlief ich mit offener Tür.
Der Wind kam von den Bergen, kühl und trocken. Irgendwo bellte ein Hund, ein Muezzin sang leise in der Ferne.
Und irgendwann sprang Kiraz in den Van, prüfte alles, als wäre sie die Zollbeamtin des Universums, und legte sich schließlich auf den Beifahrersitz.
Vielleicht gehörte ich zjetzt ein bisschen zu Malatya.
Oder vielleicht gehörte Malatya nur für einen Moment zu mir.


